Barbara Dorsch und Sebastian Goller mit ihrem Programm „Maikäfer flieg …“
auf Literat(o)ur an der Beruflichen Oberschule Passau

Ein poetischer Scharfschütze erhält das erste Wort: Erich Kästner umreißt mit seinem Gedicht „Jahrgang 1899“, was es heißt, in der Zeit des Ersten Weltkriegs groß zu werden und später dann grade mal ein bisschen erwachsen zu sein. Stimmgewaltig und packend präsentierten Barbara Dorsch und Sebastian Goller am Donnerstag, 21.2.2019 an der Beruflichen Oberschule ihre etwa einstündige „Musikalisch-theatralische Revolutionslesung Maikäfer flieg …“. In unserer alljährlich stattfindenden Reihe „Literat(o)ur“, die vor allem für die 13. Klassen bestimmt ist, nimmt dieses Mal die Zeit vor etwa hundert Jahren beeindruckend Gestalt an. Die klug zusammengestellte, auch ziemlich anspruchsvolle Collage aus unterschiedlichsten Texten und a cappella vorgetragenen Musikstücken ist sehr unterhaltsam, liefert aber auch teils groteske Einblicke.
Wichtige Namen der damaligen künstlerischen und politischen Avantgarde sind vertreten, etliche mit Lokalbezug: Der Dichter Klabund hat durch die Liebe eine besondere Beziehung zur Drei-Flüsse-Stadt, und Ernst Mühsam muss hier mehrfach Feindseligkeiten ertragen. Als er Mitte der Zwanzigerjahre akkurat an Josefi, dem 19.3. also, in Passau ankommt, lässt schon die erste Begegnung in der Gastwirtschaft nichts Gutes erahnen. Einer der vielen Bierseligen verrät, wie es hier läuft: „Bis zur sechsten Mass samma Republikaner, aber danach muas a Kini her!“ Es wird einem schon anders, wenn man dann miterlebt, wie Mühsam als höchst verdächtiger Anarchist erst höflich-feige von einem Hotel ins nächste bugsiert und dann am nächsten Tag (bis zur obrigkeitlich beschleunigten Abreise) praktisch auf Zimmerarrest gesetzt wird.
Die Lesung findet übrigens an einem historischen Jahrestag statt, denn exakt 100 Jahre ist es her, dass der erste Bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, ausgerechnet am Tag seiner geplanten Abdankung, durch den jungen Graf Arco ermordet wurde [PNP berichtete am 15.2.2019]. Kurt Tucholsky gibt in seinem Gedicht „Eisner“ dem Entsetzen Ausdruck, über die Tat, aber auch über die Öffentlichkeit – denn „… die Bürger nicken“. Und dann noch einmal eine Hiesige: Emerenz Meiers Anklage der Profitsucht US-amerikanischer Lebensmittelproduzenten wird laut, denn deren Gebaren verschlechtert die Versorgungslage auch hierzulande drastisch. Und auch die „Nationalhymne der Frauen“ fehlt nicht, welche Anita Augspurg schon 1912 verfasst hat.
Eine wirklich anspruchsvolle und erhellende Tour d´Horizon dieser Jahre, die dem Duo Dorsch / Goller hier gelingt, mit jeder Menge Anstößen zum Weiterlesen und Weiterforschen … und zur politischen Wachsamkeit.

Stephan Reiter

 

   
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